Die Organisation Fairtrade Deutschland e.V., teil von Fairtrade International, hat mit dem neuen Living Income Programm für Kakao begonnen den fairen Handel weiterzuentwickeln. Fairtrade International und die dazugehörigen nationalen Organisationen gehören seit Jahrzehnten zu den Vorreitern im Einsatz für fairen internationalen Handel. Das von der Organisation vergebene Fairtrade-Siegel dürfte allen VerbraucherInnen bekannt sein. In diesem Artikel steht “Fairtrade“ stellvertretend für die dahinter stehenden Organisationen.
Kritik der Vergangenheit und Verschlechterungen
Trotz des positiven Einflusses, insbesondere durch Aufmerksamkeit unter VerbraucherInnen, gab es in der Vergangenheit immer wieder Kritik an der Umsetzung der Fairtrade-Zertifizierung. So ist zum Beispiel der Mengenausgleich umstritten. Dabei dürfen Firmen Fairtrade-Schokolade verkaufen, wenn sie ausreichend Fairtrade-Kakao eingekauft haben. Die Firmen können aber für die Fairtrade-Schokolade einen anderen Kakao verwenden und den eigentlichen Fairtrade-Kakao für andere Schokoladen einsetzen. So wissen Verbraucher am Ende überhaupt nicht, ob tatsächlich Fairtrade-Kakao in der Schokolade ist.
Einer der weiteren Kritikpunkte besteht seit Jahren darin, dass die von Fairtrade gezahlten Preise letztlich auch häufig nicht das Existenzminimum der FarmerInnen decken und die Prämien nur Zweckgebunden an Kooperativen und nicht an Farmer gehen.
Weiter aufgeweicht wurde das Fairtrade-Konzept vor einigen Jahren, als der ursprüngliche Ansatz aufgegeben wurde, dass alle Rohstoffe die es Fairtrade gibt auch Fairtrade eingekauft werden müssen. Früher musste für Schokolade nicht nur der Kakao, sondern auch der Zucker aus fairem Handel kommen. Mit der Änderung war es Schokoladenherstellern möglich das Siegel zu erhalten, wenn man nur den Kakao aus Fairem Handel gekauft hat.
Neues Living Income Programm für Kakao verspricht erstmals Existenzsicherung
Das Ziel des Living Income Programms für Kakao ist es, den KakaofarmerInnen endlich ein existenzsicherndes Einkommen zu ermöglichen. Damit kommt das Wort "Fair" jetzt deutlich näher an seine eigentliche Wortbedeutung, als bei den vorherigen Programmen von Fairtrade. Wie der Name bereits verrät, steht das Programm vorläufig nur für den Rohstoff Kakao zur Verfügung, die FarmerInnen andere Rohstoffe wie Kaffee, Zucker und Orangen müssen warten.
Beim neuen Living Income Programm verpflichten sich die Kakaokäufer nicht nur zur Zahlung des Fairtrade-Mindestpreises und der Fairtrade-Prämie, sie müssen zusätzlich auch einen Beitrag zur Schließung der Lücke zum existenzsichernden Einkommen zahlen, sofern der Kakaopreis dafür zu niedrig liegt. Dabei gehört zum existenzsichernden Einkommen nicht nur die Deckung der Produktionskosten, sondern auch das alle Ausgaben der Familien für Ernährung, Wohnen, Gesundheit und Bildung gedeckt sind und Rücklagen gebildet und der Betrieb weiterentwickelt werden kann.
Fairtrade erstellt und aktualisiert für das Living Income Programm Referenzpreise auf Basis von regionalen Daten unter anderem für Lebenshaltungskosten, Haushaltsgrößen, nachhaltigen Erträgen und verfügbaren Anbauflächen. Auf Basis der Referenzpreise wird die Ausgleichszahlung „LIRP-Differential“ berechnet die direkt an die KakaofarmerInnen gehen soll. Zusätzlich zahlen Firmen einen „Essential Growth Booster“ der für Investitionen in langfristige Einkommensverbesserungen, widerstandsfähigere Lieferketten und allgemein in Zukunftsfähigkeit gedacht ist.
Außerdem zahlen Firmen einen „Elecitve Growth Booster“ bei dem die Firmen selbst entscheiden können, in welchen Bereich sie investieren möchten. Zur Auswahl stehen: Child Wellbeing Booster, Income Resilience Booster und Climate Resilience Booster.
Interaktives Weltkarte zum Living Income Reference Prices
Fairtrade stellt auf seiner Webseite eine interaktive Weltkarte zur Verfügung, mit dem man den Living Income Reference Prices (LIRP) für einzelne Anbauregionen und Produkte nachschlagen kann. Der LIRP ist der Farmgate Price (Ab-Hof-Preis) für Kakaobohnen beziehungsweise andere Agrarprodukte, der für einen typischen Betrieb der Region ein langfristig existenzsicherndes Einkommen ermöglicht. Leider liefert die Weltkarte nur zu manchen Regionen und wenigen Rohstoffen Informationen. Für Kakao werden aktuelle folgende Preise genannt:
- Ghana 2.680 US$ pro Tonne
- Elfenbeinküste 2.650 US$ pro Tonne
- Ecuador (Bio Kakao) 4.500 US$ pro Tonne
Zur interaktiven Weltkarte: https://reference-prices.fairtrade.net/de
Besser aber noch lange nicht perfekt
Das neue Living Income Programm von Fairtrade ist auf jeden Fall ein großer Schritt in die richtige Richtung. Erstmals kann damit ein Siegel zumindest theoretisch garantieren, dass FarmerInnen und ihre Familien langfristig vom Ertrag ihrer Farmen leben können. Perfekt ist das Programm natürlich nicht, was unter anderem an den Problemen der praktischen Umsetzung liegt. Die reale Welt ist für einfache Lösungen leider oft zu komplex. Schaut man sich die Informationen bei Fairtrade im Detail an, sieht man das selbst Fairtrade zugibt, dass nicht garantiert werden kann, das die LIRP Preise tatsächlich in jedem Fall bei den einzelnen FarmerInnen ankommen. Denn in der Praxis läuft der Handel häufig über mehrere Zwischenhändler und Kooperativen. Außerdem orientiert sich der LIRP an einer optimalen Betriebsgröße und geht von einer fachlich gut geführten und ausgerüsteten Farm aus. Fehlt es an Betriebsgröße, Wissen oder Ausrüstung für den Anbau, leidet auch der Etrag und die FarmerInnen können mit dem LIRP nicht die Existenz sichern.
Allein die Berechnung des lokalen LIRP ist eine ausgesprochen komplexe Herausforderung, die entsprechend Fehleranfällig und nicht auf jeden Einzelfall übertragbar ist. Wer in das Thema einsteigen möchte, findet auf der Webseite von Fairtrade umfangreiche Informationen die die Herausforderung deutlich machen.
Weitere Informationen bei Faritrade: Hintergründe zum LIRP
Bleibt festzuhalten, das mit dem Living Income Programm mit der Umsetzung einer guten Idee begonnen wurde. Es muss aber auch klar gesagt werden, dass das nichts an dem bisherigen Fairtrade-System ändert. Firmen die nicht am neuen Programm teilnehmen, können weiter zu den alten für die FarmerInnen deutlich schlechteren Bedingungen ein Faitrade-Zertifikat erhalten.
Lidl ist der erste große Handelspartner des neuen Programms
Der Deutsche Discounter Lidl, der bereits seit 20 Jahren mit Fairtrade zusammenarbeitet, setzt als erster großer Handelspartner auf das neue Projekt. Lidl stellt bis August 2026 alle Eigenmarken Tafelschokoladen in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und Österreich auf das neue Programm um. Bis 2027 soll sich die Umstellung auch im Verpackungsdesign widerspiegeln. Unabhängig von Weltmarktpreisen und verbindlich für mindestens fünf Jahre, so teilt der Handelskonzern mit. Lidl und Fairtrade betonen dass mit der Laufzeit von mindestens fünf Jahren auch Planungssicherheit für die KakaofarmerInnen geschaffen wird. Davon kann aber nur begrenzt die Rede sein. Klar sind fünf Jahre besser, als von Ernte zu Ernte zu planen, aber würden FarmerInnen das Geld aus der ersten Ernte in neue Kakaopflanzen investieren, wären diese erst ausgewachsen und Produktiv wenn der Vertrag ausläuft. Ob der Kakao dann aber weiter zum LIRP abgenommen wird, ist nicht garantiert.
Lidl setzt gleich auf irreführende Werbung
Fairer Umgang mit VerbrauchernInnen? Das wäre natürlich auch schön, aber vielleicht etwas viel Verlangt. Die von Lidl in der hauseigenen Pressemeldung verbreitete Grafik ist jedenfalls irreführend. Sie suggeriert, dass KakaofarmerInnen auch bei sehr niedrigen Kakaopreisen deutlich mehr bekommen, als das tatsächlich der Fall ist. Liegt der Farmgate Preis unter dem LIRP erhalten die FarmerInnen natürlich nur einen Zuschlag bis zum LIRP und nicht darüber hinaus. Für den optischen Effekt verändert Lidl in der Grafik einfach nicht nur den Farmgate Preis sondern auch den LIRP. „Natürlich“ macht Lidl das nicht mit Absicht und die Grafik dient nur der Illustration, aber faire Informationsvermittlung ist das natürlich nicht. Die Grafik vermittelt den Eindruck, die Farmerinnen erhalten den gleichen Preis, egal ob der Farmgate Preis über oder unter dem LIRP liegt und das ist natürlich nicht der Fall.

Der Farmgate-Preis sinkt (von uns hinzugefügter weißer Pfeil), dafür erhöht man in der Grafik den LIRP (von uns hinzugefügter roter Pfeil). Der von uns rot schraffierte Bereich ist nur eine „optische Täuschung“ und wird gar nicht bezahlt. Der Gesamtpreis auf der rechten Seite der Grafik müsste kleiner sein, als auf der linken Seite.
Der Text in der Grafik „Booster (Zusätzliche Lidl Prämie)“ geht auch etwas an der Realität vorbei. Denn der Booster ist keine zusätzliche Leistung von Lidl, sondern Teil des oben beschriebenen Living Income Programms und damit Voraussetzung für Lidl um überhaupt an dem Programm teilnehmen zu dürfen. Warum möchte man Fragen, denn eigentlich ist die Entscheidung von Lidl zur Teilnahme am neuen Living Income Programm ja durchweg positiv. Vielleicht macht die Grafik unfreiwillig das eigentliche Problem deutlich: ohne grundlegende strukturelle Änderungen in der Weltwirtschaftsordnung wird es kein echtes Fair geben.
Zur Webseite von Fairtrade Deutschland e.V.
Titel Foto: Fairtrade, Ilkay Karakurt
Fairtrade wird mit „Living Income Programm für Kakao“ wieder fairer